
Als im Sommer 2022 der Pegel des Rheins über Wochen außergewöhnlich niedrig war, gerieten Schifffahrt, Industrie und Logistik unter erheblichen Druck. Produktionsausfälle, Lieferverzögerungen und steigende Transportkosten wirkten sich spürbar auf Unternehmen entlang der Wertschöpfungsketten aus. Diese Effekte resultierten nicht aus einem einzelnen Extremereignis, sondern aus dem Zusammenspiel klimabedingter Belastungen, wie anhaltende Hitze, Trockenheit und Niedrigwasser. Das Ausmaß der ökonomischen Wirkung ergab sich unter anderem aus begrenzten Ausweichmöglichkeiten im Transport und eingeschränkten kurzfristigen Anpassungskapazitäten in der Produktion.
Dieses Beispiel zeigt, dass klimabezogene Risiken immer stärker in Kombination und kaskadenartig auftreten und sich damit wechselseitig aufschaukeln. Für regionale Kreditinstitute stellt sich damit die Frage, wie sie den Einflusskombinierter Klimarisiken auf die eigene Risikoexposition angemessen einschätzen.
Definition von kombinierten Klimarisiken
In der wissenschaftlichen und aufsichtsnahen Literatur werden kombinierte Risiken (compound risks) unterschiedlich definiert. Eine weithin akzeptierte Definition des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) charakterisiert kombinierte Risiken als:
„die Kombination mehrerer Treiber und/oder Gefahren, die gemeinsam zu gesellschaftlichen und/oder ökologischen Risiken beitragen.“
Das Network for Greening the Financial System (NGFS) hat diese Definition aufgegriffen und sie für den Kontext der Finanzstabilität operationalisiert. Laut NGFS beziehen sich kombinierte Risiken auf Konstellationen, in denen mindestens ein physischer Klimaschock gemeinsam mit weiteren Gefahren auftritt. Diese zusätzlichen Gefahren können ebenfalls klimatischer Natur sein wie etwa Hitze, Dürre und Starkregen, oder aus anderen Systemen stammen, beispielsweise aus makroökonomischen, gesellschaftlichen, geopolitischen oder institutionellen Zusammenhängen. Entscheidend sind dabei Wechselwirkungen, zeitliche Abfolge und Verstärkungseffekte zwischen den einzelnen Gefahren.
Anders gesagt, beschreiben kombinierte Klimarisiken Szenarien, in denen klimabedingte physische Gefahren in ihrem Zusammenwirken in der Regel deutlich höhere Wirkung entfalten, als wenn sie isoliert auftreten. Dadurch können sie sich überproportional auf Kreditnehmer, Sicherheiten, Portfolios und letztlich auf die Risikotragfähigkeit von Kreditinstituten auswirken.
Kombination physischer Klimarisiken: Hitze, Dürre und Überflutung
Ein zentrales, empirisch gut belegtes Beispiel kombinierter Klimarisiken ist das Zusammenwirken von Hitze, Dürre und Starkregenereignissen. Längere Hitze- und Trockenperioden können Böden austrocknen und versiegeln. In der Folge führen Starkregenereignisse häufiger zu Sturzfluten, Erosion und Überschwemmungen, da Wasser schlechter versickert. Die Schäden aus solchen kombinierten Ereignissen übersteigen oft deutlich die Auswirkungen einzelner Extremereignisse.
Eine Studie der Zurich Climate Resilience Alliance zeigt, dass aufeinanderfolgende oder gleichzeitige Hitze- und Hochwasserereignisse Infrastrukturen, Gebäude und städtische Systeme besonders stark belasten. Schäden an Verkehrsinfrastruktur, Energieversorgung und Gebäuden können sich gegenseitig verstärken und die Wiederherstellung erheblich verzögern.
Für Kreditinstitute sind solche kombinierten physischen Klimarisiken relevant, weil sie die Schadenswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe in bestimmten Regionen systematisch erhöhen. Wiederholte oder kombinierte Ereignisse können dazu führen, dass Erholungsphasen zwischen einzelnen Extremereignissen kurz sind oder ganz ausbleiben, wodurch sich Belastungen für Kreditnehmer und Sicherheiten kumulieren.
Kombinierte Klimarisiken, Versicherbarkeit und Sicherheitenwerte

Ein weiteres praxisrelevantes Beispiel betrifft die Wechselwirkung kombinierter physischer Klimarisiken mit der Versicherbarkeit von Immobilien. Wiederkehrende Hochwasserereignisse, kombiniert mit zunehmenden Hitze- und Dürreperioden, erhöhen nicht nur die physische Schadensanfälligkeit von Gebäuden, sondern beeinflussen auch die langfristige Risikobewertung durch Versicherer.
Empirische Untersuchungen zeigen, dass steigende Klimarisiken in exponierten Regionen mit höheren Versicherungsprämien, steigenden Selbstbehalten oder dem vollständigen Rückzug von Versicherungsdeckung einhergehen können. Diese Entwicklungen wirken sich wiederum auf Immobilienpreise, Marktliquidität und Beleihungswerte aus.
Für Kreditinstitute entsteht hier ein kombinierter Effekt aus mehreren physischen Klimarisiken und ihren wirtschaftlichen Folgewirkungen: Wiederkehrende Schäden, eingeschränkte Versicherbarkeit und sinkende Marktwerte können gemeinsam die Qualität von Sicherheiten und die Bonität von Kreditnehmern belasten, insbesondere in regional konzentrierten Portfolios.
Kombinierte Klimarisiken im makrofinanziellen Kontext
Das NGFS und jüngere makroprudenzielle Arbeiten weisen darauf hin, dass physische Klimarisiken selten in einem stabilen makroökonomischen Umfeld auftreten. Vielmehr entfalten sie ihre Wirkung häufig in Phasen erhöhter wirtschaftlicher Verwundbarkeit, etwa während konjunktureller Abschwünge, angespannten Finanzierungsbedingungen oder geopolitischer Unsicherheit.
Ein Bericht des Centre for Economic Transition Expertise (CETEx) an der London School of Economics (LSE) zeigt, dass solche Kombinationen zu überproportionalen gesamtwirtschaftlichen und finanziellen Verlusten führen können, da sich physische Klimaschocks und makrofinanzielle Stressoren gegenseitig verstärken. Verluste entstehen dabei nicht nur durch direkte Schäden, sondern auch durch Rückkopplungseffekte im Finanzsystem und zwischen Finanzsektor und Realwirtschaft.
A macroprudential approach to compound climate risks – CETEX
https://cetex.org/publications/a-macroprudential-approach-to-compound-climate-risks/
Auch wenn sich diese Analysen primär auf Systemebene beziehen, sind sie für regionale Kreditinstitute relevant. Regionale Konzentrationen, begrenzte Diversifikation und enge Verflechtungen mit der lokalen Wirtschaft können dazu führen, dass kombinierte Klimarisiken auch auf Institutsebene spürbar werden.
Warum kombinierte Klimarisiken steuerungsrelevant sind

Einzelne physische Klimarisiken können in der Risikoinventur für sich genommen als begrenzt erscheinen. In Kombination – etwa durch enge zeitliche Abfolge, räumliche Konzentration oder gleichzeitiges Auftreten mehrerer Extremereignisse – können sie jedoch deutlich stärkere Effekte entfalten.
Empirische Arbeiten der Deutschen Bundesbank zeigen, dass Naturkatastrophen messbare Auswirkungen auf Kreditqualität und Wertberichtigungen von Banken haben können, häufig zeitverzögert und regional konzentriert.
Diese Befunde unterstreichen, dass die Steuerungsrelevanz klimabezogener Risiken häufig weniger im einzelnen Ereignis liegt als in der Kombination, zeitlichen Abfolge und Verstärkung mehrerer Belastungsfaktoren.
Fazit
Physische Klimarisiken treten zunehmend kombiniert auf und verstärken sich dadurch gegenseitig. Für regionale Kreditinstitute liegt eine zentrale Herausforderung darin, diese kombinierten Klimarisiken frühzeitig zu erkennen und realistisch in bestehende Steuerungsprozesse einzuordnen. Einzelne Risiken mögen isoliert betrachtet begrenzte Effekte haben. Doch ihre Kombination kann komplexe Wirkungsmechanismen auslösen, deren Folgen sich oft erst mittel- bis langfristig entfalten.
Eine systematische Auseinandersetzung mit kombinierten Klimarisiken erscheint zunehmend geboten, insbesondere im Hinblick auf regionale Besonderheiten, Konzentrationseffekte und mögliche Kaskaden. Das kann dazu beitragen, qualitative Einschätzungen zur Risikoexposition zu schärfen, auch wenn quantitative Modelle in diesem Bereich noch mit erheblichen Unsicherheiten behaftet sind.
Nächste Schritte
Kreditinstitute berücksichtigen physische Klimarisiken bereits grundsätzlich im Rahmen der Risikoinventur. Eine sinnvolle Weiterentwicklung besteht darin, kombinierte Klimarisiken explizit in den Blick zu nehmen:
- Wo treten mehrere physische Klimarisiken gemeinsam oder zeitlich aufeinanderfolgend auf?
- Welche regionalen Portfoliobereiche reagieren besonders sensibel auf solche Kombinationen?
- Und wo können sich Effekte mittel- bis langfristig verstärken?
Wenn Sie zu kombinierten Klimarisiken und deren Bedeutung für regionale Kreditinstitute einen Gedankenaustausch suchen, senden Sie mir gern eine kurze Nachricht, um ein Gespräch zu vereinbaren.
