KI-Nutzung in Unternehmen – vom Pilotprojekt zur nachhaltigen Wertschöpfung

KI-Nutzung im Unternehmen

Vier Jahre seit der Boom rund um generative KI begonnen hat, nutzen immer mehr deutsche Unternehmen Künstliche Intelligenz: Über die Hälfte der Unternehmen verwenden aktuell KI in ihren Geschäftsprozessen, wie das ifo Institut im Mai 2026 herausfand. Innerhalb eines Jahres stieg die KI-Nutzung von rund 41 % auf knapp 55 %. Über zwei Drittel der Großunternehmen (67 %) nutzen bereits KI, deutlich mehr als kleine Unternehmen (51 %) und mittlere Unternehmen (47 %). Insgesamt ist eine weitere starke  Zunahme der KI-Nutzung zu erwarten, da laut ifo Institut 16% der befragten Firmen den Einsatz von KI planen und rund  22 % darüber diskutieren.

Doch die schnell wachsende KI-Nutzung täuscht darüber hinweg, dass die meisten Unternehmen die Potentiale der Technologie bislang nur begrenzt ausschöpfen. Nur etwa die Hälfte der Unternehmen nutzt generative KI in größerem Umfang, so das Ergebnis der  KPMG-Studie „Generative KI in der deutschen Wirtschaft“ (Mai 2025). Auch wenn dieser Anteil inzwischen weiter gewachsen sein könnte, vermute ich, dass viele Unternehmen, speziell im Mittelstand, KI nach wie vor eher punktuell oder explorativ nutzen. Hinzu kommt, dass laut KPMG-Studie 67 % der befragten Unternehmen vor einem Jahr keine klaren ­ethischen Richtlinien und Governance-­Strukturen für den KI-Einsatz hatten. Genau das ist jedoch die Voraussetzung für den breiten, verantwortungsvollen Einsatz von KI in Kernprozessen.

Der Eindruck einer stark unterentwickelten KI-Governance wird durch eine aktuelle Studie des ZEW bestätigt. Danach stellen lediglich knapp ein Drittel (30 %) der befragten Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe generative KI-Anwendungen gezielt zur Verfügung, meist über Lizenzen und Pro-Accounts für kommerzielle Anbieter. Knapp zwei Drittel (62 %) erlauben die Nutzung von KI implizit oder explizit, ohne jedoch die Tools bereitzustellen.

Mein Eindruck aus den Studien und aus persönlichen Gesprächen mit Unternehmern ist, dass viele Firmen sich noch in der Experimentierphase befinden und KI bislang nicht als strategischen Hebel nutzen. Unternehmen, die zu lange in dieser Entwicklungsphase bleiben, laufen Gefahr, bei der produktiven KI-Nutzung hinter strategisch konsequenter handelnden Wettbewerbern zurückzubleiben.

Entwicklungsgrade der KI-Nutzung in Unternehmen

Die KI-Nutzung in Unternehmen lässt sich in vier Entwicklungsgrade einteilen, die auf der Kombination von zwei bestimmenden Faktoren beruhen: KI-Nutzungsintensität und -umfang (im Diagramm auf der x-Achse) sowie dem Entwicklungsgrad von Strategie und Governance (y-Achse). Die meisten Unternehmen befinden sich, so mein Eindruck, aktuell im linken unteren Quadranten, der experimentellen Phase. Doch nur Unternehmen die den Sprung in einen der anderen Quadranten schaffen, können die Wertschöpfungspotenziale von KI auf Dauer gewinnbringend nutzen.

Die 4 Entwicklungsgrade der KI-Nutzung in Unternehmen
Die 4 Entwicklungsgrade der KI-Nutzung in Unternehmen

Die vier dargestellten Entwicklungsgrade stellen eine starke Vereinfachung der komplexen Realität dar. Sie können jedoch helfen, die Position des eigenen Unternehmens einzuordnen und strategische Entwicklungsziele zu definieren.

Die vier Entwicklungsgrade im Detail:

Experimentell

In dieser Entwicklungsstufe nutzen Unternehmen KI vor allem in Einzellösungen oder Pilotprojekten, ohne eine klare Strategie oder Governance. Oft werden den Beschäftigten  generative KI-Anwendungen bereitgestellt oder deren Nutzung toleriert. Laut ZEW Branchenreport Informationswirtschaft vom Mai 2026 stellen 30 % der Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe ihren Beschäftigten generative KI-Anwendungen zur Verfügung, 23 % stellen keine Anwendungen bereit, erlauben aber explizit deren Nutzung, und 39 % tolerieren die Nutzung von KI, zum Beispiel über private Accounts. Das kann schnell zu Schatten-IT und Datenschutzrisiken führen, wenn keine klaren Richtlinien existieren. Die Chance: schnelle Lernerfolge und erste Erfahrungen mit der Technologie. Doch ohne strategische Einbindung und klare Governance bleibt der Nutzen begrenzt.

Effizient

Hier wird KI gezielt in bestehende Prozesse integriert, um die Produktivität zu steigern. Typische Anwendungen sind die Unterstützung bei Büroaufgaben oder die Optimierung von Lieferketten. Laut einer PwC-Studie vom November 2025 führte generative KI bei einer deutlichen Mehrheit der Nutzenden zu Verbesserungen: 65 % der befragten Beschäftigten sagten, dass generative KI ihre Arbeitsqualität verbessert hat, und 62 % berichteten von erhöhter Produktivität. Allerdings arbeiteten lediglich 9 % der Beschäftigten  täglich mit generativer KI. Viele Unternehmen können also noch große Effizienzpotentiale ausschöpfen. Selbst wenn das geschieht, bleibt eine weitere Herausforderung: Ohne eine langfristige Vision mit entsprechender Strategie kann KI zwar Effizienz bringen, aber kaum dauerhafte Wettbewerbsvorteile generieren.

Disruptiv

In dieser Stufe entwickeln Unternehmen neue KI-basierte Geschäftsmodelle und neue Prozesse, die zum Teil marktveränderndes Potenzial haben. Vorreiter sind hier vor allem Startups und Hightech-Firmen, die KI für innovative Lösungen einsetzen, z. B. in der Logistik oder im Kundenservice. Die Chance: Neue Märkte erschließen und sich als Pionier positionieren. Das Risiko: Hoher Investitionsbedarf und hoher Skalierungsdruck, um neue Märkte zu besetzen.

Nachhaltig

In dieser Stufe ist KI fest in der Unternehmensstrategie verankert und trägt im Einklang mit ESG-Prinzipien langfristig zur Wertschöpfung bei. Bisher sind mir keine Unternehmen bekannt, die diese Stufe erreicht haben. 

Die Herausforderungen sind gewaltig: KI ESG-konform zu gestalten, erfordert ausgereifte Governance-Strukturen, klare Ethikrichtlinien und eine Kultur, die einerseits – wie in der disruptive Entwicklungsstufe – KI-getriebene Veränderungen fördert, zugleich aber negative ökologische und soziale Auswirkungen konsequent minimiert, um einen verantwortungsvollen KI-Einsatz zu gewährleisten.

Unterm Strich sollten in dieser Stufe die positiven ökologischen und sozialen Auswirkungen von KI die negativen überwiegen. Das zu schaffen und gleichzeitig KI-Investitionen und Produktivität zu optimieren ist eine gewaltige Aufgabe. Die Chance: Wer diese Stufe anstrebt und erreicht kann dauerhafte Wettbewerbsvorteile erzielen, die jene von Unternehmen in der disruptiven Stufe übertreffen, da ökologische und soziale Faktoren voll berücksichtigt werden.

Warum viele Unternehmen noch in der experimentellen Stufe stecken

Nach meinem Eindruck stecken viele, vermutlich die meisten, Unternehmen noch in der experimentellen Stufe der KI-Nutzung. Wer wettbewerbsfähig bleiben will, sollte kurzfristig mindesten die Stufe der effizienten Nutzung erreichen.

Der größte Fehler, den Unternehmen oft machen, besteht darin, KI ohne klare Strategie und konsequente Governance zu nutzen. Doch ohne klare Governance und langfristige Vision bleibt KI ein Werkzeug ohne Hebelwirkung. Nach einer KPMG-Studie von 2025 hatten 69 % der befragten Unternehmen keine KI-Strategie. Unternehmen ohne KI-Strategie laufen Gefahr, die großen ökonomischen Potenziale der KI nicht ausreichend zu nutzen und bei ungesteuerter Nutzung Risiken der KI-Nutzung zu unterschätzen.

Dabei ist der Sprung von der Experimentierphase zur effizienten Nutzung für jedes Unternehmen machbar, wenn drei Faktoren stimmen: 1. eine klare Strategie, die KI als Kernkompetenz begreift, 2. eine Governance, die Risiken minimiert, und 3. ein Change Management, das die Beschäftigten mitnimmt.

Viele Unternehmen werden kurz- und mittelfristig darauf verzichten, die disruptive Stufe oder die nachhaltige Stufe der KI-Nutzung anzustreben, und sich darauf konzentrieren die Effizienz-Stufe zu erreichen. Wichtig ist, dass dies eine strategische Entscheidung des Unternehmen ist, die dann auch konsequent umgesetzt wird.

Wie Unternehmen die nächste Entwicklungsstufe erreichen

Der Weg von der Experimentierphase zur nachhaltigen Wertschöpfung erfordert eine strukturierte Herangehensweise. Beginnen Sie mit einer Bestandsaufnahme: Wo steht Ihr Unternehmen gerade im Hinblick auf den Einsatz von KI? Nutzen Sie KI bereits in Einzelprojekten, oder ist sie in Ihre Kernprozesse integriert? Definieren Sie klare Ziele: Soll KI bei Ihnen vor allem die Produktivität steigern oder neue Märkte erschließen? Gibt es Regeln für den KI-Einsatz? Ohne klare Governance-Strukturen und Regeln bleiben die Risiken der KI schwer beherrschbar.

Fazit und nächste Schritte

Der Einsatz von KI ist ökonomisch notwendig, um dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch nur wer KI strategisch einsetzt, kann langfristig davon profitieren. Unternehmen, die zu lange in der Experimentierphase bleiben, riskieren, von innovativeren Wettbewerbern überholt zu werden. Deswegen ist jetzt gleichermaßen zügiges und überlegtes Handeln gefragt.

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